Dorfkirche Staaken: Geschichte und Gegenwart

Dorfkirche Staaken: Geschichte und Gegenwart

Die kleine Dorfkirche in Staaken erhebt sich eher unscheinbar direkt am stark befahrenen Nennhauser Damm, der von der B5 nach Spandau führt. So schlicht ihr Äußeres, so bewegt ist die Vergangenheit. Erbaut in der Mitte des 15. Jahrhunderts, war es ein katholisches Gotteshaus für die dörfliche Gemeinde. Mit der Reformation wurde die Kirche evangelisch-lutherisch. Sie gehörte der Spandauer Gemeinde. Erst seit 1893 gibt es eine Pfarrstelle mit eigener Gemeinde. Im Wandel der Zeiten hat sich die Kirche nicht verändert. Und sie ist eng mit meiner Familiengeschichte verbunden. Ich möchte dir das kleine historische Bauwerk mit seiner bewegenden Vergangenheit näher vorstellen.

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Dorfkirche von Alt-Staaken gehört zum Stadtgebiet von Berlin
  • Sie wurde zwischen 1436 und 1438 auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus errichtet
  • Seit 1893 ist sie eine eigenständige Pfarrkirche
  • Zwischen 1961 und 1989 lag die Kirche im DDR-Grenzgebiet direkt an der Berliner Mauer
  • Heute ist der Innenraum hübsch saniert und mit einer sehenswerten Wandmalerei geschmückt

Alt-Staaken: Die historische Dorfkirche hat viel zu erzählen

Die kleine weiße Dorfkirche erhebt sich linker Hand im einstigen Ortskern von Staaken, wenn du, von Dallgow kommend, nach Berlin reinfährst. Staaken gehört zu Berlin und ist der äußerste Bezirk im Westen der Hauptstadt. Schlicht, fast unscheinbar wirkt die Kirche, mit ihren hölzernen Turm, großen Feldsteinen im Sockel und Wänden aus Backstein, die weiß gestrichen sind.

Das Kirchenschiff hat einen klassischen Giebel, wie du ihn von Einfamilienhäusern kennst. Der Turm ist quadratisch und mit einem Spitzdach versehen. Es gibt keine aufwendigen Verzierungen oder Details, die das Herz eines Architekturfans höher schlagen lassen.

Vielleicht ist es gerade diese Schlichtheit, die beim Besucher einen Eindruck hinterlässt. Doch viel interessanter ist, was das Bauwerk in den mehr als 700 Jahren seiner Geschichte erlebt hat. Im Mittelalter als katholische Kirche errichtet, ist sie seit der Mitte des 16. Jahrhunderts protestantisch. Über den langen Zeitraum von 333 Jahren hatte die Kirche keine Pfarrstelle.

Ein reges Gemeindeleben

Wir besuchten Staaken an einem Wochenende. Die Kirche hatte geöffnet. Im benachbarten Gebäude waren Mitglieder der Gemeinde anwesend. Eine Tafel kündigte ein Konzert am Nachmittag an.

Ein Freundeskreis beschäftigt sich mit der wechselvollen Geschichte der kleinen Kirche, die den Wandel der Zeiten faktisch hautnah miterlebt hat. Einen kleinen Teil kennen wir aus unserer Familiengeschichte: Meine Großmutter wurde 1900 im Staakener Pfarrhaus geboren. Ihr Vater, mein Urgroßvater Walter Pfautsch, hatte nach der langen Abhängigkeit von Spandau die erste Pfarrstelle in Staaken inne. Wir waren sehr überrascht, als wir ein Ölgemälde meines Urgroßvaters in der Kirche entdeckten. Doch blicken wir erst einmal zurück, in die Historie der Staakener Dorfkirche.

Ein Blick in die Geschichte von Staaken

Die erste urkundliche Erwähnung von Staaken erfolgte im Jahre 1293. Seit 1308 ist der kleine Ort ein Pfarrdorf. Schon zu dieser Zeit muss es eine Kirche gegeben haben. Leider nicht bekannt, wie das Bauwerk aussah. Im Jahre 1433 fiel Staaken einem Dorfbrand zum Opfer. Die Kirche, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Holz bestand, wurde zerstört.

Auf den Grundmauern des ersten Baus wurde 1436 eine neue Kirche errichtet. Die Einweihung fand zwei Jahre später statt. Der Sockel der spätgotischen Sakralkirche besteht aus Feldsteinen. Die Wände sind aus Backstein gemauert. Die Steine waren als Baumaterial im 15. Jahrhundert vor allem im Norden des heutigen Deutschlands weit verbreitet.

Auf der Ostseite ragt ein hölzerner Turm in den Himmel. Er beherbergt eine kleine Ausstellung, die wir uns bei unserem nächsten Besuch anschauen möchten. Bis heute hat sich das Erscheinungsbild der Kirche nicht wesentlich verändert.

Ein kleines Dorf im Wandel der Zeiten

Der kleine Ort Staaken hat im Verlauf der Jahrhunderte viel erlebt. Der Name verrät, dass sich dort keine Slawen ansiedelten, was für die Region ungewöhnlich ist. Vermutlich war Staaken ein von Zuzüglern gegründetes Straßendorf. Es ist anzunehmen, dass die Menschen einen westniederdeutschen Dialekt sprachen. To den Staken kann dieser Varietät zugeordnet werden und bedeutet so viel wie: An diesem Ort liegen zahlreiche Stöcke oder Knüppel.

Mark Brandenburg, Preußen, die DDR und Berlin

Aus der Geschichte des Dorfes geht hervor, dass es vom benachbarten Spandau verwaltet wurde, was mit wenigen Ausnahmen bis in die Gegenwart so geblieben ist: Heute ist Staaken ein Ortsteil im Berliner Bezirk Spandau. Doch die Gemarkung, in der Staaken liegt, war einigen Änderungen unterworfen.

  • Im Mittelalter gehörte Staaken zur Mark Brandenburg.
  • Während der Frühen Neuzeit lag das Dorf im Oberhavelland und zählte zum Freistaat Preußen.
  • 1920 wurde Staaken nach Groß-Berlin eingemeindet.
  • Zwischen 1953 und 1989 war Staaken ein Dorf an der Berliner Mauer. Es lag im DDR-Bezirk Potsdam.
  • Seit der Wiedervereinigung ist Staaken ein Ortsteil von Berlin im Stadtteil Spandau.

Das Gotteshaus, das mitten im einstigen Dorfkern von Alt-Staaken steht, hat beide Weltkriege unbeschadet überstanden. Die Berliner Mauer erhob sich in der Zeit der Teilung etwa fünfzig Meter von der Kirche entfernt. Heute erinnert ein Streifen mit zwei Reihen Kopfsteinpflaster an den Verlauf.

Walter Pfautsch: Der erste evangelische Pfarrer nach drei Jahrhunderten

Staaken ist die Heimat meiner Großmutter. Schon als kleines Kind wusste ich von der Kirche und dem daneben liegenden Pfarrhaus. Es war ihr Elternhaus, sie wuchs dort mit vier älteren Geschwistern auf.

Das Pfarrhaus war ein abscheulicher Kasten. Alle bewohnbaren Zimmer lagen nach Norden. Da es nicht unterkellert war, waren die Zimmer im Winter schwer zu beheizen und sehr fußkalt. Dafür lagen die Wirtschaftsräume wie Küche, Plättkammer und Speisekammer nach Süden. Der Lokus befand sich am äußersten Ende des gegenüberliegenden Stalles, in dem auch die Waschküche, der Kohlenkeller und der Vorratskeller untergebracht waren.

Bequem hat es meine Mutter bestimmt nicht gehabt. Wir waren sieben Kinder, von denen zwei im Säuglingsalter starben.

Dr. Hans Pfautsch über das Leben seiner Familie um die Jahrhundertwende. Die Erinnerungen umfassen die Zeit zwischen 1900 und 1914. Sie wurden auf Bitten des Pfarrers Reinhard Schönfeld in den 1960er-Jahren verfasst. Quelle: Die Staakener Wetterfahne. Geschichte und Geschichten. Ausgabe 45. Weihnachten 2021

Die „Staakener Wetterfahne“ zeigt ein Foto meiner Urgroßeltern vor dem Pfarrhaus. Das kleine Mädchen ist meine Großmutter. Sie sieht glücklich aus. Später war ihr Leben vom Zweiten Weltkrieg und den Nachwirkungen geprägt.

Die Verdienste meines Urgroßvaters

333 Jahre hatte die kleine Dorfkirche in Staaken zur Pfarrgemeinde St. Nikolai in Spandau gehört. Im Jahre 1893 löste sich die Kirche aus der Gemeinde und schuf eine evangelische Pfarrstelle. Mein Urgroßvater Walter Pfautsch trat diese Stelle an.

Als meine Großmutter im Jahr 1900 im Pfarrhaus in Staaken geboren wurde, regierte Wilhelm II. das Deutsche Reich. Mein Urgroßvater gab die Pfarrstelle imJahre 1927 an Pfarrer Theile ab. Der Kaiser hatte abgedankt, die Weimarer Republik steuerte auf eine Katastrophe zu. Die Welt hatte sich gravierend verändert.

Staaken wird Groß-Berlin

Im Jahre 1894 kam mein Urgroßvater aus Jüterbog in das ländliche Staaken. Er begleitete die Gemeinde über einen Zeitraum, der für die Bewohner mit einem tiefgreifenden Wandel einherging. Zwischen 1914 und 1917 wurde die Gartenstadt Staaken gebaut. Die Bevölkerungszahlen schossen in die Höhe. Die Urbanisierung der Region begann.

1920 erfolgte die Eingemeindung von Staaken nach Groß-Berlin. All dies bedeutete für die Menschen Veränderungen und eine damit verbundene Unsicherheit.

Im Jahre 1925 bekam die neu gewachsene Gartenstadt Staaken eine eigene Gemeinde mit einer zweiten Pfarrstelle. Mein Urgroßvater blieb bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1927 Pfarrer in der Gemeinde Staaken-Dorf.

Kenotaphen der Familie Pfautsch auf dem Friedhof in Staaken

Im Kirchgarten der Dorfkirche befand sich bis zum Jahre 1874 ein Friedhof. Seit dem Mittelalter war es üblich, die Verstorbenen in der Nähe der Kirche beizusetzen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt wurde Staaken zu groß: Die Kirche erwarb von Bauer Nickel ein Stück Land, um einen neuen Friedhof einzurichten. Bis heute wird er genutzt: Es handelt sich um den Friedhof „Am Buschower Weg“. Einst war es die Friedhofstraße.

Heute gibt es wieder zwei Grabstätten Im Kirchhof der Dorfkirche von Staaken. Zu sehen sind die originalen Grabsteine meiner Urgroßeltern Walter und Maria und das Gedenkkreuz meines Großonkels Joachims. Er wurde 1898 geboren. Warum auch er eine Ehrung erhielt, kann ich nur vermuten. Belege habe ich bislang noch nicht gefunden.

Kleine Geschichte meiner Familie

Die Familie Pfautsch stammt aus Halle an der Saale. Mein Urgroßvater wurde 1862 im benachbarten Landsberg geboren. Seine erste Pfarrstelle in Jüterbog muss er vor 1890 angetreten haben. Meine Großtante Grete, das älteste Kind der Familie, wurde in Jüterbog geboren. Sie war Hebamme und lebte als Diakonisse in Göttingen. Einmal besuchte sie meine Großmutter in Mecklenburg, da war ich fünf Jahre alt. An ihre Tracht kann ich mich gut erinnern.

Mein Großonkel Joachim studierte Medizin an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Uni. Am Wochenende brachte er Kommilitonen mit nach Staaken, die dem staubigen Berlin in die Sommerfrische entflohen und im Pfarrhaus übernachteten. Meine Urgroßmutter hatte für jeden ein offenes Haus. So lernte meine Großmutter den Medizinstudenten Ernst Bartolomaeus aus Spandau kennen, der mit Joachim eng befreundet war. Oma und Opa heirateten in Staaken. Nach dem Studium bekam mein Großvater eine Stelle als Landarzt in Crivitz.

Ruhestand in Ludwigslust

Nachdem sich mein Urgroßvater 1927 in den Ruhestand verabschiedet hatte, folgten er und meine Urgroßmutter Luise Ida Maria, geborene Tieck, ihren Kindern nach Mecklenburg. Joachim praktizierte in Ludwigslust. Der ältere Bruder Ulrich war ebenfalls Arzt, er lebte in Parchim. Hans Pfautsch, der die Erinnerung an die Familie verfasste, war als Dozent für Agrarwissenschaften in Hannover tätig.

Der Zweite Weltkrieg

Ulrich, Joachim und mein Großvater Ernst wurden als Ärzte zum Kriegsdienst eingezogen. Am 18. September, kurz nach Kriegsbeginn, geriet Joachim in einen Hinterhalt und wurde erschossen. Das galt als Skandal. Er war Oberstabsarzt, Mediziner wurden dringend gebraucht.

Auch Ulrich überlebte das Kriegsende nicht. Er geriet in Gefangenschaft und starb in einem Lager an Typhus. Mein Großvater kehrte im Jahre 1950 aus russischer Gefangenschaft zurück. Meine Mutter lernte ihn erst im Alter von sieben Jahren kennen.

Familiengrab in Ludwigslust

Joachim wurde nach seinem Tod nach Ludwigslust überführt und dort beigesetzt. Mein Urgroßvater verstarb 1943, meine Urgroßmutter zwei Jahre später. Beide fanden ihre letzte Ruhestätte an der Seite ihres Sohnes in einem Familiengrab.

Der Liebling des Dorfes

Mein Großonkel Hans bezeichnet seinen jüngeren Bruder Joachim in seinen Schilderungen über das Leben im Pfarrhaus um die Jahrhundertwende aufgrund seines sonnigen Wesens als „Liebling des Dorfes“. Doch das ist vermutlich nicht der Grund, warum auch sein Grabstein in Kirchgarten zu sehen ist.

75 Jahre nach der Pensionierung meines Urgroßvaters, das war 2002, beschloss die Kirchengemeinde in Staaken, die originalen Grabsteine aus Ludwigslust zu überführen und meinem Großvater und seiner Familie dort ein ehrendes Andenken zu gewähren.

Joachim verstarb seinige Jahre vor seinen Eltern. So bestimmte sein Kreuz das Familiengrab in Ludwigslust. Die Eltern haben schlichte Grabplatten, die am Fuße des Kreuzes gelegen haben. Genauso wurde es in Staaken wiederhergestellt. Da Joachim Staaken nach dem Studium verließ, wird er keine eigenen Verdienste erworben haben.

Zahlreiche Nachkommen

Walter und Maria Pfautsch haben heute mehr als einhundert Nachkommen, die sich jedes zweite Jahr zu einem großen Familientreffen zusammenfinden. Die Erinnerung an die Pfarrersfamilie aus Staaken wird auch in der vierten und fünften Generation lebendig gehalten.

Johannes Theile – Pfarrer und Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus

Neben dem Porträt meines Urgroßvaters hängt das Gemälde des Pfarrers Johannes Theile.

Der Nachfolger meines Urgroßvaters, Joachim Thiele, ging als Widerstandskämpfer und Begleiter der zum Tode Verurteilten und ihrer Hinterbliebenen in die Geschichte der Kirche ein.

Hervorzuheben ist dabei besonders seine Tätigkeit als Gefängnisseelsorger in der „Wilhelmstraße“. Dort sassen ja sehr viele, wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode Verurteilte, die er bis zu ihrer Erschießung betreut hat und um deren Angehörige er sich gekümmert hat. Diese … Verurteilungen von oft ganz jungen Menschen haben ihn sehr belastet.

Erinnerung des Sohnes Hans-Oscar Theile. Quelle: Die Staakener Wetterfahne. Geschichte und Geschichten. Ausgabe 44. Sommer 2021

Nach der Abtrennung West-Staakens von Groß-Berlin kümmerte sich Pfarrer Theile um die Nöte der Menschen, die plötzlich ohne ein funktionierendes System lebten.

Johannes Theile behielt die Pfarrstelle bis zum Jahre 1958. Er verstarb sechs Jahre später und wurde auf dem Spandauer Friedhof „In den Kisseln“ beigesetzt. 2002 erfolgte auf Wunsch der Staakener Gemeinde und der Familie des Pfarrers eine Umbettung auf den Kirchhof in Staaken.

Nachkriegszeit und die Teilung Berlins

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte Staaken weiterhin zu Berlin. Der Ort lag im britischen Sektor. Doch dann kam es zu einem Gebietstausch: Die britische Besatzungsmacht beanspruchte den Flughafen Gatow, der an West-Berlin grenzte. Sie benötigten ihn für strategische Zwecke. Er lag auf dem Gebiet der DDR.

Die sowjetische Besatzungsmacht stimmte dem Tausch zu. Vom 1. Februar 1951 bis zur Wiedervereinigung gehörte der Westen des Ortes Staaken zum Kreis Nauen im Bezirk Potsdam.

Die Kirche und das Pfarrhaus, in dem meine Familie und die Familie von Pfarrer Theile gelebt haben, standen plötzlich mitten im Grenzgebiet. Nach dem Bau der Mauer wurde das Pfarrhaus abgerissen. Das Foto entdeckten wir auf einer Stele am Berliner Mauerweg. Wir waren lange der Ansicht, dass es sich bei diesem Haus um das Pfarrhaus handelte. Doch dem ist nicht so. Es muss näher an der Kirche gestanden haben.

Der Wunsch meiner Großmutter

Meine Großeltern trennten sich im Jahre 1953. Großvater ging nach Dessau, beide sahen sich in den 30 Jahren, die sie danach noch lebten, nie wieder. Sie blieb allein in Crivitz zurück, wo Opa 1924 die Stelle als Landarzt angetreten hatte. Vier der sechs Kinder gingen in den Westen. Meine Mutter zog nach Werder (Havel), ihr in der DDR lebender Bruder nach Rostock

Oma wünschte sich, noch einmal nach Staaken an den Ort ihrer Kindheit zu reisen. Sie hatte in ihrem Elternhaus eine glückliche Kindheit gehabt. Oft sprachen wir darüber. Doch es war nicht möglich: Für den Besuch von West-Staaken hätte sie einen Passierschein gebraucht. Im Jahre 1986 verstarb sie. Eine Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit war ihr nicht vergönnt.

Kirchgang unter den Augen bewaffneter Grenzsoldaten

Während der Zeit der Teilung gab es in der Dorfkirche in Staaken keine eigene Gemeinde. Die Betreuung der Menschen erfolgte durch die Kirchengemeinde in Falkensee. Gottesdienste fanden in Staaken statt. Doch die Kirche war nur für Menschen geöffnet, die polizeilich in Staaken gemeldet waren. Ein Grenztum befand sich in unmittelbarer Nähe der Kirche. Dort waren bewaffnete Grenzsoldaten stationiert, die den Kirchgang überwachten.

Einen Passierschein bekamen Bürger, die dort nicht polizeilich gemeldet waren, nur unter strengsten Auflagen. Sie wurden für den Besuch von Verwandten ersten Grades oder für Beisetzungen ausgestellt. Somit hatte meine Großmutter keine Möglichkeit, noch einmal durch die ihr aus der Kindheit vertrauten Straßen zu laufen.

Das wiedervereinigte Staaken

Seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1991 ist Staaken wieder ein Ort. Seit 2025 hat das einstige Dorf Staaken mit der geschichtsträchtigen Dorfkirche keinen fest angestellten Pfarrer mehr. Es gab eine Strukturreform, die sich aus der sinkenden Zahl der Kirchenmitglieder ergab. Zwei Pfarrer und eine Pfarrerin betreuen die Gemeinde in Alt-Staaken, in der Gartenstadt und in der Heerstraße Nord im Bezirk Spandau.

Zwei Pfarrer prägen die Geschichte eines Dorfes

Meine Mutter und ich haben uns bei unserem Besuch gefragt, warum meinem Urgroßvater und Pfarrer Theile in der Dorfkirche in Alt-Staaken die besondere Ehrung eines Ölgemäldes und einer Grabstelle zuteil wurde. Vielleicht ist die Antwort, dass in der Kirche seit der Reformation nur wenige Pfarrer eine eigene Gemeinde betreuen durften. Walter Pfautsch und Johannes Theile haben die Arbeit in besonderem Maße geprägt. Als Familie sind wir sehr dankbar, dass unserem Vorfahren ein ehrendes Andenken bewahrt wird.

Der Innenraum der Kirche

Die Staakener Dorfkirche wirkt für ihr hohes Alter sehr modern. Dies hängt mit der Lage im Grenzgebiet zusammen: Das Inventar wurde während der DDR-Zeit nahezu vollständig ausgeräumt. Staat und Kirche hatten kein gutes Verhältnis zueinander. Es galt, in den Kirchenhäusern einen Zustand der „Neuen Sachlichkeit“ herzustellen.

Die Orgel

Dem staatlich verordneten Umbau fiel die historische Orgel zum Opfer. Uns ist bei dem Blick nach oben sofort aufgefallen, dass es sich um ein sehr modernes Instrument handelt. Du siehst eine keine Pfeifenorgel der berühmten Orgelbauanstalt W. Sauer aus Frankfurt/Oder. Sie wurde im Rahmen einer grundlegenden Sanierung im Jahre 1992 eingebaut.

Die Kanzel

Leider handelt es sich nicht mehr im die originale Kanzel aus dem Jahre 1648, die im Stil des Barock gehalten war. Auch sie wurde beim Umbau in der DDR-Zeit entfernt. Heute siehst du einen Nachbau aus den Jahren 1995/96. Der Tischler Tischler Wilhelm Weinke hat die Rekonstruktion übernommen.

Das Wandgemälde

Die Besonderheit der Staakener Dorfkirche ist ein Wandgemälde, das den Titel „Neue Besonnenheit“ trägt. Im Original stammt es von dem italienischen Maler Gabriele Mucchi. Im Jahre 2002 erschuf der Berliner Maler Joachim Bayer eine Ausführung in der Größe 8,44 Meter mal 3,88 Meter.

Das Gemälde vereint zwölf historische Denker unter dem Kreuz Jesu Christi. Darunter befinden sich Nikolaus Kopernikus, Johannis Calvin und die Gemahlin Martin Luthers, Katharina von Bora. Die Figuren stehen am Hahnenberg, der sich unweit der Kirche befindet. Dort verlief während der Zeit der Teilung die Berliner Mauer.

Fazit: Mehr als nur eine kleine Dorfkirche

Für uns als Nachkommen des Pfarrers Walter Pfautsch hat die Kirche eine besondere Bedeutung in der Geschichte unserer Familie. Doch auch über den persönlichen Aspekt hinaus ist sie mehr als nur eine kleine Dorfkirche. Sie ist eng mit der Teilung Berlins und der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden. Davor gehörte sie mehr als 300 Jahre zu Spandau. Das ist heute wieder so. Es schließt sich ein historischer Kreis, und es bleibt zu hoffen, dass die kleine Kirche nicht noch einmal Gegenstand der großen Geschichte wird.

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HB 2026-23

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